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Schluss mit dem Muss - der Kampf zwischen der wirklichen und der idealen Frau

Anna hat Sehnsucht nach Intimität. Sehnsucht sich vollständig geliebt, angenommen und verstanden zu fühlen. Sehnsucht nach tiefer seelischer Nähe, emotionaler Hingabe und der Auflösung aller Grenzen zwischen ihr und Marko. Doch, ja, ihre Beziehung ist ganz schön, aber an vielen Tagen fühlt sie sich einsam, auch wenn Marko neben ihr sitzt. Und noch häufiger hat sie Angst, er könnte sie verlassen, wenn er erst merkt, wie sie wirklich ist: eine Mogelpackung. Diese tiefen Selbstzweifel plagen Anna seit ihrer Kindheit; in den Augen ihrer kritischen Mutter war sie niemals gut genug gewesen. „Anna, du bist nicht hübsch genug“, hatte es geheißen. „Du100 bist nicht lieb genug, du hast mich enttäuscht, sei lieb, dann mag Mami dich. Schade – du bist nur ein Mädchen.“ Seitdem kämpft Anna darum ’richtig’ zu sein und Liebe zu verdienen. 

 

Inzwischen haben sich der verinnerlichten Stimme der Mutter Stimmen aus Medien und Gesellschaft zugesellt: „Wer die alten Rollenbilder mag, ist mega-out. Wer nicht schlank und schön ist und nicht die richtigen Outfits trägt, ist nicht begehrenswert. Wer nicht lässig und lächelnd das Gezerre von Job, Familie, Mann und Selbstverwirklichung bewältigt, ist faul und schwach. Wer keine multiplen Orgasmen auf Kommando haben kann, ist verklemmt. Wer komplett heterosexuell ist, ist geradezu spießig. Wer nicht mit Engeln plaudert und nicht in jeder Situation mit beseligtem Lächeln reagiert, ist nicht spirituell.“ Überall Erwartungen, überall Druck. Und immer das Gefühl nicht zu genügen. 

 

Viele Frauen belastet dieser ’du musst anders sein als du bist-Ballast’. Kein Wunder, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen als jemanden, der sie wirklich und hundertprozentig so liebt wie sie sind. Der ihnen immer wieder sagt, wie wunderschön er ihren Körper findet – trotz oder gerade wegen der Spuren, die Zeit und Kinder an ihm hinterlassen haben. Der ihnen sagt, dass keine andere so wundervoll ist wie sie, keine eine so süchtig machende Geliebte ist wie sie und er niemals wieder eine Frau so lieben wird wie sie. Im Grunde wollen sie ein ausgelagertes Selbstwert- und Identitätsgefühl in Form eines Mannes. 

 

Das kann aus drei Gründen nicht funktionieren: Zum ersten spürt der Mann seine Instrumentalisierung und reagiert darauf mit innerem Rückzug. Zum zweiten gerät die Frau in eine fatale Abhängigkeit von dem Mann, die sie davon abhält ihr Selbstwertproblem aktiv anzugehen. Und zum dritten ist der Mann schon genug mit seinen eigenen inneren Kämpfen beschäftigt, in denen es um männliche Identität und um sein Bild einer romantischen Beziehung geht. Schließlich gibt es nicht wenige Männer, die sich unbewusst nach einer Frau sehnen, die sie verzaubert, sie in einen Zustand der Anbetung versetzt und ihr Leben ekstatisch macht. Die Menschlichkeit der Frau ist in dieser Konstellation nicht gewünscht, weil sie den Zauber bricht.

 

Aber auch dann, wenn der Mann in sich ruht, realistische Vorstellungen hat und seine Partnerin liebt, hilft das weder ihm noch der Frau. Zwischen ihm und ihr stehen unbewusste Gedanken der Frau wie diese: Wie kann ich mich zeigen, wenn ich nicht weiß, wer ich bin? Wie kann ich mich von dir lieben lassen, wenn ich glaube, dass du mich verachten wirst, wenn du entdeckst, wie ich wirklich bin? Dass ich nicht perfekt bin. Nicht toll. Nicht stark. Gar nicht die Frau, in die du dich verliebt hast. Ich hasse dich, weil du nicht trotzdem siehst, wer ich bin und so blind bist einen Fake zu lieben. Und ich hasse, wie wenig perfekt du bist. Irgendjemand hier muss doch perfekt sein. Los, sei du es!! Ich will den perfekten Mann an meiner Seite, der immer weiß, was ich denke und was ich meine, wenn ich etwas anderes sage. Ich will einen Mann, um den mich meine Freundinnen beneiden. Der nie peinliche Dinge tut, Geburtstage vergisst oder es zeigt, wenn er ängstlich oder überfordert ist. Nein, du darfst dir keine Schwächen erlauben, wenn ich mich so verzweifelt bemühe perfekt zu sein!

 

Viele Frauen stellen sogar unbewusst die Liebe des Mannes auf den Prüfstand, benehmen sich zickig, nörgelig, unausstehlich und gemein. Sie verstehen nicht, warum sie es tun, und hassen sich dafür. Wenn der von solchem Verhalten frustrierte Mann sie dann kritisiert oder gar verlässt, ist das die Bestätigung: „Er hat mich nie wirklich geliebt, es war alles Lüge.“ Und das kleine Mädchen in ihr, das ja schon immer gesagt hat, sie sei nicht wert geliebt zu werden, hat wieder einmal Recht bekommen. Andere Frauen werden pseudo-freundlich, managen Partnerschaft, Job und Kinder mit Kontrolle und Selbstdisziplin und vergraben dabei ihre Gefühle so tief, dass sie nicht nur für den Mann unerreichbar sind, sondern auch für sie selbst. Keine Chance für Intimität. 

 

Aber irgendwann werden die Sehnsucht nach Nähe, emotionaler Heilung und nach einem authentischen Leben übermächtig, und die Frauen machen sich auf die Suche nach Wegen aus der Umklammerung von Müssen und Sollen. Der Zeitgeist mit den neuen Leitbilder in den Medien macht es ihnen leichter. Immer mehr der überschlanken, makellosen, erfolgreichen Ikonen, über die so lange lobend berichtet wurde, entpuppen sich als psychische und körperliche Wracks, und neben ihnen tauchen Frauen auf wie beispielsweise Scarlett Johannsen, die das XXS-Schönheitsideal mit ihrem Sex Appeal ad absurdum führt und zu ihrem Esprit, ihrer Power und ihrem Körper steht. Und nach Jahren des Jugendwahns treten mit Helen Mirren (The Queen) und Meryl Streep (Der Teufel trägt Prada) wieder reife Schauspielerinnen in den Fokus der Öffentlichkeit – Frauen, die nicht nur für ihren Erfolg gefeiert werden, sondern auch für ihre authentische, individuelle Attraktivität. 

Auch ein Kosmetikkonzern fördert diesen gesunden Trend mit seiner Initiative für wahre Schönheit und ermutigt Frauen, die Einzigartigkeit ihres Körpers und ihres Gesichtes liebevoll anzunehmen. Aber nicht für jede Frau ist diese neue gesellschaftliche Strömung ausreichend, um zu lernen, sich in ihrem Körper Zuhause und wohl zu fühlen. Wer über Jahrzehnte verinnerlicht hat, den Körper als eine Sammlung von Problemzonen zu betrachten, die dem jeweils angesagten Beautybild angepasst werden müssen, braucht intensive Unterstützung. Hier helfen Tantra-Kurse, in denen Frauen wieder einen positiven Bezug zu ihrem Körper bekommen und in der geschützten Atmosphäre der Gemeinschaft erleben, bedingungslos angenommen zu werden.

 

Zugang zu den Kernthemen der Kindheit, die hauptverantwortlich für die emotionalen Ketten aus perfektionistischem Müssen und Sollen sind, ermöglichen visionäre Reisen im Tantra.  Häufig liegen die Erinnerungen an diese Situationen und die damit verbundenen Schmerzen zunächst im Unterbewusstsein verborgen. Mit Hilfe innerer Bilder lassen sich die entscheidenden Themen identifizieren und ins Bewusstsein holen. Außer mit tantrischen Techniken gelingt dies beispielsweise auch durch den Einsatz von Klinischer Hypnose nach Milton Erickson, einer non-direktiven Form der Trancearbeit, oder mit EFT (Emotional Freedom Techniques = Klopfakupressur). Nach der Identifizierung der Auslöser beginnt die Heilungsarbeit, um die selbstkritischen, einengenden Glaubenssätze einen nach dem anderen aufzulösen und damit auch die Fähigkeit zu reaktivieren, sich wieder selbst zu fühlen. Hinter bis dato geleugneten Gefühlen wie Wut und Zorn taucht nicht selten tiefe Trauer auf, und dahinter wiederum ein tiefes Bedürfnis, das nun endlich ohne Masken sein darf. Es ist wie Zwiebelschälen: Eine alte Haut nach der anderen wird bei diesem Prozess entfernt, darunter erscheinen immer weitere in den Untergrund verbannte emotionale Schmerzen, die geheilt und aufgelöst werden wollen. Im Endeffekt passiert dabei auch ein Öffnen des Herzens, das  damit wieder fähig wird zur Selbstliebe und zum Verströmen von Liebensenergie. Insbesondere die Herzöffnung lässt sich beschleunigen durch die Arbeit mit Meditationen von Klaus J. Joehle, Autor von „Leben mit Liebe“. 

 

Besonders befreiend wirkt das Loslassen der Illusion, immer stark und kontrolliert sein zu müssen. Es erfordert zunächst den ganzen Mut des neu gewonnenen Selbstvertrauens, sich der Verletzlichkeit und Schwäche zu stellen und sie auch dem Partner gegenüber auszudrücken, statt sich durch Verteidigungsmechanismen zu schützen. Aber erst diese Offenheit und Schutzlosigkeit ermöglicht echte Intimität. Es kann allerdings sein, dass der Partner zunächst einmal irritiert und verunsichert auf die ungewohnte, schonungslose Ehrlichkeit und die Selbstoffenbarung der Frau reagiert. Immerhin verändert sich hier das gesamte Rollenkonstrukt seiner Beziehung, er steht vor einer komplett neuen – geradezu fremden – Frau. Sie ist lebendiger, intensiver, emotionaler, in vielem auch entspannter und lässiger als die Frau, die er kannte. Ihre menschlichen Schwächen hat sie akzeptiert und damit Frieden geschlossen, ihre Bedürfnisse achtet und lebt sie, und sie hat sich gefunden. Das verleiht ihr eine ungeahnte Stärke, dank derer sie sich ihm nun mehr denn je emotional ausliefern und sich bei ihm fallen lassen kann. 

 

Aber um diese Wandlung von der fremdbestimmten„Ich muss-Frau“ zur selbstbestimmten „Ich bin-Frau“ zu verkraften, braucht der Partner Zeit. Und zwar auch dann, wenn er sich vorher schon manchmal bei seiner Frau mehr Selbstvertrauen, Authentizität und echtes Gefühl gewünscht hat. Nun gilt es alte, Sicherheit vermittelnde Gewohnheiten über Bord zu werfen. Eingespielte Rollen und Machtverhältnisse brauchen plötzlich eine Korrektur, und  möglicherweise müssen radikale Veränderungen im Lebensablauf akzeptiert werden, die eine Einschränkung bisheriger Bequemlichkeit bedeuten. Auch offen miteinander über das zu reden, was beide wirklich bewegt, ist ungewohnt. All das löst Ängste aus - und nicht selten sogar Aggressionen. 

 

Manchmal braucht ein Mann in dieser Phase Hilfe, um in dieser geänderten Situation die Chancen für ihre eigene Entwicklung zu erkennen. Immerhin kann er jetzt nicht nur die spannende Phase des Kennenlernens neu genießen, sondern erhält ebenfalls den Raum, sich komplett zu zeigen. Dazu können Selbstzweifel und Versagensängste genau so gehören wie Lebensträume, die er bis dato dem reibungslosen Funktionieren der Partnerschaft geopfert hat. Und er kann die Erfahrung machen aufrichtig geliebt zu werden – jenseits seiner finanziellen Potenz oder seiner Fähigkeit, ihren Erwartungen zu entsprechen. Dafür aber mit allen Anteilen seiner Persönlichkeit wie seiner Wildheit, seiner Wut, seinen Dämonen, seiner Schönheit, seiner Liebe, seiner Weisheit und seiner Ohnmacht. So großartig diese neue Freiheit klingt - der Weg dahin ist auch für den Mann ein Prozess der schmerzvollen Häutung. Daher sind nun von der Frau ihrerseits viel Geduld und Verständnis gefragt, damit der Partner ihr auf dem Weg der Heilung und der Entwicklung einer authentischen Individualität folgen kann. Aber letztlich erwächst aus dem gemeinsamen Bewältigen dieser Transformation auch ein tiefes Vertrauen, ohne das Intimität gar nicht denkbar ist.